Desastres
Alke Brinkmann (*1967) ist Malerin. Als solche präsentiert sie sich auch in der Ausstellung Desastres in der Galerie Parotta Contemporary Art, wenngleich die Art und Weise ihrer Inszenierung eher ungewöhnlich ist. Die Berliner Künstlerin hat Gemälde unterschiedlichen Formats und Stils zu einer raumfüllenden Installation arrangiert. Weit entfernt von den Konventionen sonstiger Ausstellungspraxis, wo die einzelnen Exponate fein säuberlich getrennt voneinander auf neutralen Wänden ihren jeweils eigenen Platz beanspruchen, wird hier Malerei als räumliches Simultanereignis präsentiert. Keines der Gemälde, ob Porträt im Taschenformat oder großformatige Landschaft, steht für sich alleine, sondern nimmt Kontakt auf zu anderen. Sowohl durch physische Nähe, oft sogar durch eine Überlappung von zwei Bildern als auch durch thematische Interferenzen, aus denen sich Schnittmengen ergeben, die über die räumlichen Distanzen hinweg Nähen erzeugen und Annäherungen zulassen.
Die Künstlerin zeigt eine Reihe von Porträts, für die sie die medialen Bilderdepots durchforstet hat: der tote Uwe Barschel, der bei einem Giftattentat ums Leben gekommene Geheimagent Alexander Litwinenko, das Bild eines Atompilzes, Lee Harvey Oswald, der mutmaßliche Kennedymörder sowie viele kleinformatige unscharfe Porträts von den Toten des World Trade Center vom 11. September 2001...
Wie beim Surfen im Internet folgt der Betrachter diesen bereitgestellten Links und stellt unter Zuhilfenahme seines eigenen imaginären Bilderdepots Verknüpfungen her – oder auch nicht, denn die einzelnen Bildbestandteile der Inszenierung zu lesen, ist nur der in der Lage, der sie erkennt –. Beim Atompilz mag das einfach sein, schwieriger wird die Lektüre bei den Tsunami-Opfern oder dem Geheimagenten Litwinenko. Und wer kennt schon die Gesichter der Toten aus dem World Trade-Center, deren Porträts durchs world wide web geistern. Dass Brinkmann die gemalten doubles dieser Porträts im Unschärfebereich hält, ist deshalb nur konsequent, wie überhaupt das gesamte Arrangement eine beunruhigende Offenheit besitzt. Irgendwie ahnt man die Geschichte(n), die jedes der Bilder in sich birgt, irgendwie atmen alle die Katastrophe, selbst die schlafende Tochter Adele erscheint da ein Gleichnis auf "Schlafes Bruder", den Tod.
"Emotive Kommunikation" nennt Alke Brinkmann ihren künstlerischen Umgang mit kollektiver Erinnerung und charakterisiert damit eine besondere Form der Interaktion zwischen dem gemalten Bild und dem Betrachter. Eine Kommunikation, die unterhalb der Informationsebene quasi subkutan stattfindet und auf die malerische Ikonizität des Bildes verweist. Beim Bild des Atompilzes über Hiroshima sind es die diesen überlagernden weißen Farbschichten, die jenseits einer repräsentativen Bedeutungsdimension als Zeichen der Auslöschung und als Metapher eines kollektiven Traumas gleichermaßen gelesen werden können. Und auch bei ihrem Porträt eines Kindes ohne Gesicht funktioniert die Auslassung als produktive Leerstelle, die zum Erinnern an all die Namenlosen anregt, die bildlich und sprachlich nicht genannt und deshalb auch nicht erinnert werden können. Genau in diesem Aufzeigen der Lücke, dem produktiven Raum zwischen dem, was die Bilder als Repräsentation bedeuten und dem was sie als Bilder sind, besteht das im Wortsinn Auf-regende der Installation von Alke Brinkmann.
Anja Osswald
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